Wir Diesel sind doch arme Schweine



Das Leben ist eine Zumutung. Vor allem für einen Diesel

wie mich. Die Geschichte meines deutschen Dreckslebens.

Von Johannes Kornacher

Das musste ja so kommen! Schliesslich ist hier Deutschland. Da macht man sich gerne das Leben schwer. Und den anderen. Vor allem den anderen. Hier wird der fröhliche Ausdruck „Leben und Leben lassen“ zur Hälfte verschluckt, so dass nur noch „Leben und?“ rauskommt. Selbst dabei verschlucken sich noch manche, und dann reicht es gerade noch für ein lallendes „Llen“. Das ist nicht viel. Aber jetzt sind wir schon vom Thema abgekommen.
 
Diese peinliche Nummer als 180er
 Mir als Diesel war jedenfalls stets klar: Es wird böse enden. Schon damals, 1954, als Daimler mich als 180er lancierte. War das peinlich! Nur 40 PS verpasste man mir, ich beschleunigte auf 100 etwa so schnell, wie drei Frauen zu-sammengerechnet für einen Mehrfachorgasmus brauchen: glatte 39 Sekunden. Klar, Adenauer reichte das. Auch wenn ich nicht mehr als 110 km/h schaffte. Das kann heute schon ein getuntes Mofa mit einem (allerdings übel riechenden) 2-Takt-Motor. Alles kein gutes Omen.

Doch ich wurde erst mal ein Erfolgstyp. Im Wirtschaftswunder der Sechziger Jahre war ich so etwas wie der H&M der Autoindustrie: Hauptsache fährt und die Strassen werden voll, kosten tut‘s ja fast nichts. Egal, dass man schon am Abend vorher im Auto sitzen musste, um vorzuglühen. Dieselfahrer erkannte man an den Russstreifen im Gesicht - wie Indianer auf Kriegspfad. Und sie rochen wie Heizungsmonteure. Dafür konnte man wahlweise auch Heizöl einfüllen, was bauernschlaue Landwirte für den Traktor nutzten, denn schon damals interessierte kein Schwein, was auf unseren Feldern los war.

Für mich als Diesel war das genetisch eine ergiebige Zeit. Aber nicht einfach. Der Preis war hoch: Mein Image siedelte irgendwo zwischen Drecksau und lahmer Ente. Wenn mich der Nachbar startete, war das ähnlich schlimm wie heute, wenn er die Harley anlässt. Und wenn’s bei mir endlich mal richtig lief, fletzten andere längst mit einem Bier auf dem Sofa.


Ausdauernd stillos
 Das war, zugegeben, etwas unsexy. Andrerseits: Ich war steuer-subventioniert, also nicht unkuhl. Und lahm, na gut, dafür konnte ich viel länger als die anderen. Eine Eigenschaft, die Menschen anscheinend fasziniert. Jetzt wollte man mich optimieren, und so kam es auch: Eines Tages hatte ich fast so was wie Sexappeal. Ich wurde schnell, und statt nagelnd-bohrend klang meine Stimme nun rauchig-bluesig wie Joe Cocker. Oft hörte ich die Leute im Auto sagen: horch, wie leise, und ich konnte sie deshalb reden hören, weil ich eben so leise war. Schwarze Russwolken gab‘s auch nicht mehr: vorne, sagen wir mal, etwas introvertiert. Und hinten blitzsauber.

Die Deutschen dachten sogar, ich sei jetzt oeko, weil ich kaum Kohlenmonoxid ausstiess. Da hatte sich die Dieselfrage in die Spätromantik zurückbewegt. Und weil man hier gerne alles glaubt, wenn es lange genug behauptet wird, vor allem von der Autoindustrie und deren Regierung, wurde ich zum Mass aller Auto-Dinge. Ich war der Eco-Green-Blue-Tec-High-Nature-Clean-Speed-Super-Future-eierlegende Wollmilchmotor. Dabei war ich in Wirklichkeit nur eins: eine billige Sau.


Plötzlich bin ich doch zum Kotzen
 Dann hat man sich alles doch nochmal überlegt und fand plötzlich, ich sei viel schlimmer: ein übles Schwein. Waehh, du Diesel, pfui! Wie kann man denn nur so ein Dreckskerl sein! Warte nur, so billig kommst du nicht davon! Jetzt zeigen wir dir mal, was deutsche Gründlichkeit ist! Erst teilten sie mich in Klassen ein und gaben mir Kleber. Auch sehr deutsch, Klassen und Kleber, naja, es half nichts. Immerhin fuhr ich. Besser Euro 4 als Hartz 4. Es war dann aber doch nicht so schlimm. Zwar gab es verschärfte Blicke, aber man drückte einen Lungenflügel zu und liess mich in Ruhe. Manche redeten sogar nett über mich: Der Diesel, das ist doch ein lieber, den haben wir ganz arg gern. Doch irgendwie konnte man diesem Frieden nicht trauen.


Jetzt bin ich ein eiskalter KGB-Killer
 Zu recht. Denn bald begann dieses fiese Mobbing. Und mir ging‘s immer dreckiger. Sogar Euro 6, bisher Wollmilchklasse, wurde jetzt zur Sau gemacht. Heute steht fest: Diesel sind die neue Schweinepest. Wir sind alle russische Geheimdienstagenten ohne Gewissen, aber mit Gift. Wir bringen den Tod. Das dürfen wir weiterhin, aber nur noch auf dem Land. Findige Unternehmer kaufen jetzt flugs Land auf dem Land, stellen Garagen drauf und vermieten sie an Dieselfahrer, die in den Städten wohnen und den Rest mit dem Rad heimfahren. Gut, gibt es für alles eine verträgliche Lösung.

 Wir sind also noch nicht am Ende, aber bei böse. Ich mach mir da nix vor: Die servieren mich ab. Früher oder später werden fünf Vierteljahrhunderte Ingenieurskunst in den gelben Sack gestopft und fliegen schwungvoll in den Container.


Erst Heilsbringer, jetzt der Hitler der Autobahnen
 Mein Erfinder Rudolf muss das schon geahnt haben, als er 1913 in den Tiefen des Ärmelkanals verschwand. Man sagt, er hätte sich selbst entsorgt und sei von der Fähre gesprungen. Woher hatte der Mann diese hellseherischen Fähigkeiten, als Ingenieur? Erst machen sie ihn, also mich, zum Superstar, Helden der Highway, Retter aller Witwen und Waisen. Und eines Tages hauen sie mich, also ihn, nicht einmal mehr in die Pfanne. Ich, also wir, tragen jetzt die Schuld daran, dass die Autoindustrie unsere Energieersparnis in kriminelle Energie umwandelte. Drecksdiesel, elender! Ab in den gelben Sack!


Lieber ein Ende ohne Schrecken
Wahrscheinlich geht’s mir ähnlich wie der Frau vom Nachbarn. Der hat die geheiratet, weil sie vermögend war, aber nicht gerade hübsch. Dazu war sie ein Luder und betrog ihn. Das hat er nun 40 Jahre mitgemacht, sie ein paar Mal zum Liften geschickt, aber es wurde irgendwie nicht besser. Jetzt hat er eine jüngere, und die Alte kann schauen, wo sie bleibt. Würde sie in den gelben Sack passen, wäre sie wohl ganz schnell weg. _______

Hauptstadt, kaum zu glauben


  
Manchen Dingen ist es schnurzegal, ob wir sie glauben. Sie sind einfach so. Berlin etwa kann man glauben, oder auch nicht. Doch Berlin macht in jedem Fall - weiter.

 von Johannes Kornacher

Was glauben Sie eigentlich? Eigentlich eine korrekte Fragestellung. Und eindeutig, allerdings je nach Betonung: „Was glauben Sie eigentlich?“ bedeutet dann „Sind sie wahnsinnig?“ und suggeriert gleich noch, Sie sollten sich zum Teufel scheren oder zumindest in der Klappsmühle einchecken.

Dann ist „Was glauben Sie eigentlich?“ die nette Frage, woran sie denn so glauben, wenn der Tag lang ist. An den Weihnachtsmann etwa, oder an die Existenz des Berliner Flughafens. Während der Weihnachtsmann zwar um diese Jahreszeit nicht existiert, im Dezember aber schon, ist letzterer, da kann ich Sie beruhigen, nur ein angeblicher Flughafen. Und zwar ganzjährig.


Winkewinke auf Berlinerisch
Denn selbst wenn es ihn physisch, also in Form von Gebäuden und Betonpisten, wirklich gäbe, kann es ihn als Flughafen, also in Form von Einchecken und Winkewinke, oder gar zum Auf- und Davonfliegen, auf keinen Fall geben. Denn diese komplizierten Vorgänge setzen ein funktionierendes System voraus. In der Planung zum Beispiel. Oder in der Ausführung. Bei beidem hapert es aber. Berlin halt.

Man habe jetzt ein Terminal, hiess es kuerzlich. Kann es aber nicht zur Einweihung des Flughafens heranziehen, sollte diese wirklich in den nächsten 12 Monaten stattfinden müssen. Was ja, aus Berliner Sicht, eh‘ eine Zumutung wäre. Schon so bald! Wo man es sich doch gerade so gemütlich gemacht hat, da draussen vor der Stadt. Da kommen jetzt welche und wollen uns das kaputt machen. Den Flughafen statt zum rumgammeln und Geld verlochen auch noch zu Winkewinke und Auf- und Davonfliegen nützen. Nee, also, det geht so nich!


Einfach so ein Terminal nutzen wollen. Wat globen die denn! Erst mal müssen die Brandschutzanlagen getestet werden. Das ist bei neuen Gebäuden so üblich und sicher keine miserable Idee. Nur im Fall des angeblichen Berliner Flughafens dauert das eineinhalb Jahre. Also noch länger (18 Monate) als die Installierung einer neuen Regierung (5 Monate). Ein Klacks jedoch im Vergleich zur Etablierung eines international wettbewerbsfähigen Fussballklubs (bisher 125 Jahre oder 1500 Monate).


Grosse Klappe Berlin
Ja, die alte Dame Hertha, die braucht halt ein bisschen. Immer grosse Klappe, wie die ganze Stadt. Man dominiert auf Platz zehn und hat es wieder mal geschafft, die Europaliga zu verpassen. Was aber, und da werden Sie sich jetzt wundern, aus Berliner Sicht völlig in Ordnung geht. Denn Europa hat es so an sich, vereinzelt weiter weg zu liegen als Neukölln oder Mitte. Nach Athen etwa würde die Busfahrt gut zwei Tage dauern, und dann sind die Spieler danach so steif, dass sie bestimmt verlieren, und wer, ausser den Griechen, will das schon? Hinfliegen geht aber auch nicht. Denn dazu müsste man ja – genau!

Weil Berlin eben in Berlin liegt, arbeitet man jetzt schon auf Hochtouren daran, in der nächsten Saison wieder die zweite Tabellenhälfte aufzumischen. Das Pokalfinale ist eh‘ abonniert, naja, als Stadion zumindest. Schliesslich ist man Hauptstadt. Muss ja nicht gleich Vorbild sein. Sonst fragt man sich am Ende noch: Haupt – wovon? Jedenfalls ist genug da von allem: ein Bundesligaklub, ein Parlament, eine Regierung. Ein Tiergarten. Wer hat der hat.


Neuwertiger Schrott
Zum Schluss noch eine kleine Geschichte. Sie handelt am, erraten!, am angeblichen Berliner Flughafen. Dort hat man jetzt 750 Monitore ausgetauscht, für grad mal eine halbe Million Euro. Sie waren technisch nix mehr wert. Sie wissen schon, diese Monitore, die so schnell veralten, weil sie immer so wichtige Dinge anzeigen. In Berlin zeigten sie in den vergangenen sechs Jahren Fluggästen, die nicht da waren, Informationen an über Flüge und Gateänderungen, die es nie gab.

Das ist jetzt, da verstehe ich Sie gut, alles kaum zu glauben. Mein Rat: Machen Sie es wie ich, glauben Sie es einfach nicht. Man muss nicht alles glauben, was da draussen passiert. Dafür versteht man es dann umso besser.

Feature: Melancholie oder die Schönheit des bewölkten Himmels



Die Melancholie hat ein schlechtes Image.
Der Spassgesellschaft steht sie im Weg, deshalb
wird sie zum Unglück abgestempelt. Zu Unrecht.
Denn sie ist Quelle von Kreativität und
Lebensfreude. Sie ist geradezu ein Glück.
Der Versuch einer Rehabilitation.


Von Johannes Kornacher



Da ist er wieder, der Blues. Der Blick hinaus auf die kahlen Bäume, viel zu lange. Man hat keine Lust auszugehen, sich abzulenken. Steht lieber am Fenster und hängt den Gedanken nach. Da war doch kürzlich dieses Gespräch mit dem Vater. Der Besuch in der Heimatstadt. Oder der Blick auf die Fotogalerie im Flur, wo man sonst achtlos vorbeigeht. Der Hund liegt faul auf seiner Decke, und gerade jetzt fühlt man diese Liebe für ihn. Und da ist der Gedanke an den geliebten Menschen. Was, wenn er plötzlich nicht mehr da wäre? So ist sie, die Melancholie: eine sanfte, nachdenkliche, bittersüsse Stimmung. Nicht schlimm. Nur ein bisschen wehmütig, sogar traurig. Kommt Ihnen das bekannt vor? Dann gehören Sie zu den rund 30 Prozent aller Mitteleuropäer, die sich zur Melancholie bekennen. In Wirklichkeit ist Melancholie überall. Schon Kinder haben die Fähigkeit dazu.


Sie ist fast alles – nur nicht Depression
Um was geht es hier genau? Schwermut, Depression, Pessimismus? Wir fragen einen, der es genau weiss. Tobias Ballweg ist Psychologe und Philosoph und behandelt am Sanatorium Kilchberg am Zürichsee Menschen mit Burnout und Depression. „Melancholie ist Nachdenklichkeit, das Hören auf Zwischentöne, ein Innehalten“, sagt er. „Ganz bestimmt ist sie jedoch weder krankhaft noch therapiebedürftig.“ Täglich sieht er es, das Grübeln der Menschen, ihre Selbstvorwürfe, Schuldgefühle, Ängste, ihre tiefe Verzweiflung und dunkle Ausweglosigkeit. „Depression ist permanente Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und oft sogar Todesnähe.“ Mit diesem Begriff sollte man achtsam umgehen, denn hier sprechen wir von Krankheit mit eindeutigen Symptomen. „In der Depression ist die Lebensbewältigung stark eingeschränkt“, weiss Ballweg.

Melancholie hingegen ist symptomfrei, eine Art Gegentypus zur Depression. Im Gegensatz zur Depression ist sie nicht unkontrollierbar. Zwar kann sie in Traurigkeit oder depressive Verstimmung abgleiten. „In der Regel kann man sich daraus aber selbst wieder herausziehen“, sagt Tobias Ballweg. Durch Denkarbeit zum Beispiel, indem wir ein Problem, Gefühl oder eine Stimmung zulassen und uns damit auseinandersetzen. Manchmal fühlen wir uns vielleicht ein paar Tage lang niedergeschlagen. Aber irgendwann kann der gesunde Mensch seine Selbstheilungskräfte, die Resilienz, ins Spiel bringen und seine Traurigkeit überwinden. Müssen wir hingegen einen Verlust oder eine grosse Enttäuschung verarbeiten, kann es länger dauern. Denn dann sind Verwundung und Schmerz im Spiel, und die brauchen Heilung und Zeit.


Heitere Nachdenklichkeit
Melancholie ist anders. Ein gängiger Begriff zwar, aber oft falsch benutzt. Melancholie verletzt nicht. Sie kränkt nicht. Sie siedelt sich irgendwo an zwischen Traurigkeit und Träumerei. Sie ist nicht Rührseligkeit oder Sentimentalität. Melancholie ist „Fifty Shades of Gefühlswelt“, sagt der Autor und Kabarettist Bänz Friedli und nippt am Grüntee. Erst die Gemischtheit der Gefühle, die Gegensätze machen das Leben aus, findet er. Die Idylle sei zwar schön, aber pure Illusion. „Eine Postkarte stimmt nie. Der ungetrübte Anblick ist falsch – und fad!“

Friedli, der als Hausmann-Kolumnist bekannt wurde, ein schönes Sujet von Melancholie, lächelt verschmitzt. Es gibt so etwas wie eine heitere Nachdenklichkeit, sagt er. „Es ist doch schön, wenn das Leben etwas zu denken gibt.“ Kürzlich habe ein Kritiker in seinem Programm neben Witz auch Melancholie entdeckt. „Das ist ein Kompliment!“

Heute sei alles gegenwärtig, Nachrichten verbreiten sich in Windeseile über die Welt, wir erleben Himmel und Hölle zu jeder Zeit. „Wie willst du dir da deine Heiterkeit bewahren?“, fragt er und liefert gleich die Antwort: „In meinem Leben gab es immer Lieder, die mir diesen Zwiespalt erklärten.“ Er nennt J.J. Cale, Leonhard Cohen, Wolfgang Niedeken, Jiovanotti und den Berner Songwriter Trummer. Friedli war früher Musikjournalist, Musik ist Teil seines Lebens. Sie ist für ihn viel mehr als akustische Kunst, auch ein emotionales Organ. Die Leber der Seele? Er grinst und nickt. „Wir finden doch im Tod das Leben, und in der Trauer den Humor.“

Musik ist oft melancholisch.  Ein grosser Teil von Pop, Jazz oder Klassik klingt entweder melancholisch, oder entstand, wie etwa bei Mozart, aus einem Zustand der Melancholie in Aufbruch und Lebensfreude. Wohin man hört: im amerikanischen Blues, im portugischen Fado, den französischen Chansons, den Heurigenliedern Wiens, bei den Cantaudori in Italien oder in russischen Liedern: Die Weltstimmung heisst Melancholie.


Die Abgründe sehen, ohne zu verzweifeln
Ist Melancholie also eine Art Lebenshilfe, um an den Widersprüchen oder dem Elend des Lebens nicht zu verzweifeln? Der Psychologe Tobias Ballweg bringt diese Frage auf einen Nenner: „Wir Menschen haben vier grundlegende Varianten der Lebensbewältigung. Erstens: Die rosa Brille, die nichts Negatives an uns heranlässt. Zweitens: Verleugnen oder verdrängen, damit alles „easy“ bleibt. Drittens: Die Depression, das Scheitern an der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und viertens: Die Melancholie, die Fähigkeit, gelassen hinzunehmen, was sich nicht ändern lässt. Der Melancholiker kann hinabschauen, ohne zu verzweifeln.“ Oder anders gesagt: Das Leben als Zumutung akzeptieren und es dennoch geniessen. „Die Melancholie ist mehr als ein emotionaler Zustand“, so Ballweg, „sie ist eine Einstellung zur Wirklichkeit, eine Haltung“.

Dabei machen es sich klassische Melancholiker gewiss nicht einfach, was sie von den Stoikern unterscheidet. „Melancholiker setzen sich auseinander mit den Dingen, die sie beschäftigen, und sie leiden auch daran“, sagt Tobias Ballweg. „Etwa mit der existentiellen Dimension des Daseins, der Verletzlichkeit, Sterblichkeit, mit Schicksal oder Kontrollverlust.“ Die Einsicht in die Vergeblichkeit alles Strebens können sie aber hinnehmen, sogar heiter sein, denn sie sehen auch die Schönheit des Daseins.


Eher Chiller als Revoluzzer
Er lehnt sich gern an, der Melancholiker, wie James Dean, der melancholische Rebell. Oder stützt seinen Kinn in den Handballen, nachdenkend und nach Antworten suchend. Als Jugendlicher gibt er den sensiblen Desperado, „der sein unbestimmtes Weh und den umflorten Blick trägt wie das Markenzeichen seines Polohemds“, schreibt Mariela Sartorius in ihrem Buch „Die hohe Kunst der Melancholie“. Der Jung-Melancholiker sei sich seiner geheimsnisvollen Aura wohl bewusst, glaubt sie. Vielleicht kokkettiert er manchmal damit, um seine Verunsicherung zu kaschieren, wenn die Dinge in seiner Sicht wieder einmal überhaupt nicht zusammen passen. „Was ist denn?“, wird er gefragt. „Nichts“, murmelt er, und senkt den Blick.

Sartorius findet, der Melancholiker hängt gerne ab, „der typische Chiller“. Schlendert eher durch die Strassen, und gehört nicht zum hopsenden Typ Springinsfeld. Ballweg sieht hier keinen Revoluzzer, „man findet ihn kaum auf den Barrikaden.“ Melancholiker sind weder rastlose Selbstoptimierer, noch wollen sie die Welt retten, denn sie ahnen: Es führt zu nichts.

Der Münchner Psychotherapeut Josef Zehentbauer erkennt in seinem Buch „Die traurige Leichtigkeit des Seins“ in der Melancholie besinnlich-tiefgreifende Befindlichkeiten. „Leidvolles beeindruckt mehr als Freude und Glück. Entscheidungen reifen lange.“ Mitmenschen gegenüber verhält man sich feinfühlig, warmherzig und zuverlässig. Der Hang zur Nachdenklichkeit bringt einen grossen Vorteil: Melancholiker denken über alles mögliche nach. „Sie haben einen Sinn für Dinge, die andere für bedeutungslos halten“, sagt Tobias Ballweg. „Auf einem Flohmarkt oder auf dem Friedhof blühen sie auf.“ Das kann romantisch sein, ist aber auch ein Schlüssel zu Poesie und Kunst.

Klamauk schliesst Melancholie nicht aus
Melancholie ist vielleicht nicht Poesie, aber sie führt zu ihr. Und die Verbindung zum Humor ist augenfällig. Wo Poesie ins Spiel von Sinn, Unsinn oder Absurdität mündet, entsteht der Witz. Doch fragt man Berufshumoristen, kann man sich schon mal einen Korb holen: etwa vom Satiriker Lorenz Kaiser. „Lange bevor ich schwermütig werde, werde ich sauer“. Auch Emil Steinberger winkt ab. „Dazu kann ich nicht viel sagen.“ Anders der Kollege Gerhard Polt. Sein Antrieb fürs Kabarett sei „aktive Resignation“ - ein klassisches Melancholiker-Statement. Und einer, uns Schweizern als robuste Gagmaschine bekannt, und der sich dabei Dinge ausdachte wie das Weihnachtslied „Oh stille mich, du fröhliche“, wird jetzt nachdenklich. „Ich habe an der Reuss ein Plätzli“, erzählt Peach Weber, „dort sitze ich oft und denke wichtige Dinge durch“. Nicht immer komme dabei was Gescheites raus, aber an eines denke er jedes Mal: „Dieser Fluss fliesst da seit tausend Jahren vorbei und ist stets derselbe“. So etwas kann nur jemand sagen, der sich nicht so wichtig nimmt und seine existentielle Begrenztheit akzeptiert, erleichtert, fast genüsslich - ein Melancholiker. „Mit einem Lächeln auf den Lippen“, so Tobias Ballweg.

Weber („Ich bin Halbtagsphilosoph“) hat Tausende von Gags geschrieben, selten sind sie nachdenklich. Er hat aber auch eine melancholische Kinderfigur wie den Zwerg Stolperli geschaffen, der stolpernd, aber glücklich durchs Leben geht. „Melancholie hat etwas mit Urvertrauen zu tun, und mit Gelassenheit.“ Er habe das Glück dieses Urvertrauens. Und dass seine Tochter es auch besitzt, mache ihn melancholisch-glücklich. „Die Melancholie kommt und geht. Sie ist was vom Schöneren im Leben.“


Wie ein weiches Bett
Alain Mieg ist Kunstmaler. Er malt Horizonte, Himmelssphären. Dinge, die wir manchmal sehen, wenn wir etwa auf 12000 Metern Höhe aus dem Flugzeug sehen. Farben in tausend Schichten, fast surreal und doch gegenwärtig. „Himmlische Traumlandschaften“ nennt er lächelnd seine Bilder. „Oft versinke ich tagelang in einer Stimmung, die sich wie ein sanfter Mantel anfühlt“. Dann sei er nachdenklich, dünnhäutig, sensibel – und kreativ. Diese sanfte Melancholie sei ein wichtiger Teil seiner Kunst. „Wenn sie sich ankündigt, freue ich mich. Es ist, wie wenn ein guter Freund zu Besuch kommt.“ Das alles schildert er mit aufgeweckten, fröhlichen Augen. Keine Spur von Schwermut. Auch nicht von Wahn, wie sein berühmter Kollege Max Ernst einst behauptete: „Kunst braucht meditative und halluzinatorische Fähigkeiten.“ Da ist er wieder, der Schubs der Melancholie in den Irrsinn.


Kippstelle zwischen Wahnsinn und Genie
Als Kulturbegriff führte die Melancholie ein bewegtes Leben. Durch die Überschneidungen kultureller, theologischer und sozialer Elemente entstanden völlig verschiedene Melancholietypen. In der Antike wurde sie als „Schwarzgalligkeit“ bezeichnet, war dennoch hoch geschätzt als philosophischer Charakter hochbegabter Denker. „Warum erweisen sich alle aussergewöhnlichen Männer in Philosophie, Politik, Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?“, wunderte sich etwa der Philosoph Theophrast.

Die seelische Gestimmtheit des Menschen war nach der von Galen entwickelten Temperamentenlehre von den Körpersäften abhängig. Sie bringen das cholerische, melancholische, phlegmatische oder sanguinische Temperament hervor. Daher der Begriff der „schwarzen Galle“, lateinisch „Melancholia“, ein Zuviel an Gallenflüssigkeit. Sie mache den Menschen „krank“. Die schwarze Galle, so hiess es, korrespondiere mit dem Element Erde, dem Herbst, dem Erwachsenenalter, dem Nachmittag. Bei aller Skepsis: Man war der Melancholie freundlich gestimmt.


Schuld des Herzens
Doch im Mittelalter war es mit der Freundschaft vorbei. Melancholie sei „Todsünde und Instrument des Teufels“, wetterte Kirchenvater Cassianus. Tobias von Aquin beschimpfte die „Acedia“ als „Müdigkeit der Seele und Schuldigwerden des Herzens“. In der Aufklärung wurde sie mit Hysterie und der Schwäche des Nervenssystems gleich gesetzt. In der Romantik erging es ihr kaum besser: Melancholie wurde zur Depression abgestempelt. Der Mediziner Johann Reinroth, Präger des Begriffs der Psychosomatik, erkannte eine „Unfreiheit des Gemüts und Depression der Empfindungen“. Noch bis weit ins 20ste Jahrhundert war Melancholie nichts anderes als die Krankheit Depression. Nach dem zweiten Weltkrieg begann die wissenschaftliche Differenzierung, und seit etwa 1970 ist endlich klar: Depression ist eine Krankheit. Und Melancholie ein Gemütszustand und eine Charaktereigenschaft.


Schon als Kind Melancholiker
Der Maler Mieg ist schon als Kind melancholisch und introvertiert. Manchmal ist seine Melancholie dunkel. Er erkrankt an Hirnhautentzündung und durchlebt Grenzerfahrungen mit langem Fieber, Schmerzen, Einsamkeit. Früh verliert er seine Mutter und versinkt in Traurigkeit. Bevor Mieg Teenager wird, hat er schon tiefe Verluste und Ängste erfahren. Doch er sei daran gewachsen, sagt er heute. Mit 13 will er Maler werden, hat mit 19 die erste Ausstellung. Er wird erst Drucker, dann Schriftenmaler, Werber. Mit 35 macht er sich als Maler selbständig. Malen ist eine einsame Tätigkeit. Dazu muss man alleine sein können, bereit für Meditation, eine Reise der Gedanken und Gefühle. „Man muss die Melancholie an sich heranlassen“, sagt er. „Dann ist sie leicht wie ein weiches Bett“.


Warum sie ein schlechtes Image hat
Klingt doch alles recht sympathisch, möchte man meinen. Melancholie macht das Leben leichter. Warum meiden sie dann viele von uns? Warum verdammt sie unsere Spass-, Glücks- und Leistungsgesellschaft wie der Teufel das Weihwasser? „Weil das Rad dann auch mal still steht“, sagt Tobias Ballweg. „Das kann für manche Menschen unerträglich sein.“ Gefühle werden als bedrohlich erlebt, man blendet sie lieber aus und will nicht hinschauen: Da könnte sich ja das eine oder andere als Luftblase herausstellen. Ballweg arbeitet häufig mit Burnout-Patienten. Stress hat sie krank gemacht: der Stress, perfekt sein wollen, die Angst, Ansprüchen nicht zu genügen, zu scheitern, zu versagen, ausgeschlossen zu werden. Und dann fehlen die Selbstheilungskräfte, die Robustheit, um sich alleine zu regenerieren. Melancholiker haben in der Regel diese Robustheit oder Resilienz.

Herr Ballweg, müssen wir also demnächst mit Ratgebern „Melancholie lernen in zehn Schritten“ rechnen?“ Er lacht. „Das ist absurd. Man kann Melancholie nicht lernen.“ Aber man könne lernen, Erfahrungen und Fragen an sich heranzulassen, weniger zu verdrängen, kontemplativer zu werden. Es muss ja nicht gleich ein Gang über den Friedhof sein. „Schon die Einsicht, dass die Jagd nach dem Glück alles bringt, nur kein Glück, kann heilsam sein“.  _______